Neues vom Kirchturmlurer – Vor der Wahl wird plötzlich alles wichtiger, was vorher schon wichtig war
Griaßd eich beinand,
es ist schon erstaunlich, wie sich ein Ort verändern kann, ohne sich zu verändern. Monatelang ist alles seinen Gang gegangen. Beschlüsse wurden gefasst, Dinge wurden entschieden, und das Leben ist weitergelaufen, wie es halt so weiterläuft, wenn keiner fragt, warum?
Und seit Januar wird plötzlich erklärt.
Nicht anders entschieden – nur anders erklärt. Es wirkt fast so, als hätte man festgestellt, dass Entscheidungen nicht nur getroffen werden müssen, sondern auch verstanden. Vor allem von denen, die bald bestätigen dürfen, dass sie damit einverstanden waren.
Da ist zum Beispiel der, der schon da war. Der war die ganze Zeit da. So selbstverständlich, dass man fast vergessen hätte, dass auch Selbstverständlichkeiten einmal bestätigt werden müssen. Und jetzt, wo die Wahl näher rückt, merkt man: Selbst das, was feststeht, steht nur so lange fest, bis jemand feststellt, dass es auch anders gehen könnte. Plötzlich wird aus Gewohnheit wieder Überzeugung. Oder zumindest der Versuch davon. Man sieht ihn jetzt öfter in erklärender Form. Nicht neu, aber bewusster. Fast so, als hätte das Amt selber gemerkt, dass es ohne Zustimmung nur ein Stuhl ist. Und ein Stuhl bleibt bekanntlich nur besetzt, wenn keiner aufsteht – oder jemand anderer sich hinsetzt.
Der zweite Kandidat ist da eine andere Erscheinung.
Der war schon einmal da. Und ist damals nicht geworden, was er werden wollte. Das hat ihn nicht entfernt. Nur verschoben. Dass er wieder antritt, war weniger eine Überraschung als eine ausstehende Fortsetzung. Manche Dinge hören nicht auf, nur weil sie einmal nicht funktioniert haben. Sie warten bloß, bis die Umstände wieder zuhören.
Und dann ist da noch der dritte.
Den kennt man vom Dabeistehen, als zweiten. Jetzt steht er für sich. Parteilos. Was ein interessantes Wort ist. Weil es so tut, als wäre man allein, obwohl man immer noch derselbe ist. Vielleicht ist parteilos nicht ohne Herkunft. Sondern nur ohne Schild. Und ein Schild ist ja schnell gewechselt, wenn die Richtung dieselbe bleibt.
Was seit Januar wirklich auffällt:
Nicht, dass mehr passiert. Sondern dass mehr gesehen werden möchte. Plötzlich wird Nähe gesucht. Nicht, weil sie gefehlt hat – sondern weil sie gebraucht wird. Der Wähler war ja die ganze Zeit da. Aber jetzt ist er wieder relevant geworden. Vorher war er Teil des Ortsbilds. Jetzt ist er Teil der Entscheidung. Das ist ein Unterschied, der sich erst bemerkbar macht, wenn man ihn braucht.
Der Kirchturmlurer sitzt oben und schaut runter. Er sieht keinen Streit. Keinen Lärm. Keine großen Gesten.
Er sieht nur, dass plötzlich jeder verstanden hat, dass ein Amt nicht dadurch bleibt, dass man sich daran gewöhnt hat. Sondern dadurch, dass andere sich nicht daran sattgesehen haben.
Und er denkt sich:
Gewählt wird nicht der, der am längsten da war. Sondern der, bei dem die Leute glauben, dass er nicht bloß geblieben ist – sondern noch einen Grund hat zu bleiben.
Und das weiß man vorher nie so genau.
Nur hinterher tun es dann plötzlich alle.
Bis bald, Euer Kirchturmlurer