Der Kirchturmlurer schaut zur WM: Jetzt haben wir wieder 80 Millionen Bundestrainer
Manchmal braucht es keinen Kirchturm, um zu erkennen, dass etwas Großes bevorsteht. Es reicht, wenn man beim Bäcker in der Schlange steht, beim Wirtshaus am Stammtisch sitzt oder einfach nur zuhört. Plötzlich reden Menschen über Viererkette, Pressing, Umschaltspiel und Abseits. Menschen, die das ganze Jahr nicht wissen, ob ein Abseits eine Spielregel oder eine Steuerart ist, entwickeln plötzlich Expertenwissen auf höchstem Niveau. Ja mei. Die Fußball-Weltmeisterschaft steht vor der Tür. Und damit passiert in Deutschland wieder etwas, das man fast als Naturgesetz bezeichnen könnte: Die Zahl der Bundestrainer steigt schlagartig auf rund 80 Millionen.
Des is aa so a Gschicht. Der eigentliche Bundestrainer heißt zwar Julian Nagelsmann. Aber wenn man den Gesprächen im Land zuhört, dann dürfte er der Einzige sein, der bei seiner Aufstellung nicht mitreden darf. Der Schorsch hätte einen anderen Stürmer aufgestellt, der Hans würde mit drei Verteidigern spielen, der Sepp hätte den Kader komplett anders nominiert und der Franz weiß sowieso schon vor dem ersten Spiel, warum das alles nichts werden kann. Da fragt ma si scho, warum der DFB überhaupt einen Trainer bezahlt. Ein Stammtisch würde vermutlich reichen.
Heuer findet die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko statt. Also auf einem Gebiet, das so groß ist, dass man von Straßkirchen aus wahrscheinlich mehrfach ans Mittelmeer fahren könnte und noch immer nicht am anderen Ende angekommen wäre. Vom Kirchturm aus betrachtet ist das schon beeindruckend. Früher fuhr man zum Auswärtsspiel, heute braucht man für manche Spielorte fast einen Atlas, einen Reiseführer und a bisserl Abenteuerlust. Da fragt ma si scho, ob die Spieler nach dem Spiel erschöpfter sind oder nach dem Flug. Aber vielleicht passt das ganz gut in unsere Zeit. Alles wird größer, alles wird schneller, alles wird internationaler. Nur eines bleibt gleich: Am Ende laufen immer noch 22 Leute einem Ball hinterher und Millionen erklären anschließend, wie man es besser gemacht hätte.
Freilich gehört auch Deutschland wieder zu den Mannschaften, denen einiges zugetraut wird. Mit Spielern wie Musiala, Wirtz, Kimmich oder Havertz steht genügend Qualität auf dem Platz. Junge Talente, erfahrene Führungsspieler und ein Trainer, der versucht, aus vielen guten Einzelspielern wieder eine richtige Mannschaft zu formen. Die letzten Monate machen Hoffnung. Die Mannschaft wirkt gefestigter, geschlossener und hungriger. Aber des mit der Hoffnung ist bei einer Weltmeisterschaft so eine Sache. Vor dem ersten Spiel träumt jeder vom Finale. Nach dem ersten Fehlpass wird bereits über den Neuaufbau diskutiert. Auch das gehört irgendwie dazu.
Vom Kirchturm aus betrachtet erinnert das manchmal a bisserl an die Politik. Vor einer Wahl verspricht man sich die große Zukunft. Nach den ersten Schwierigkeiten wird schon wieder gefragt, wer schuld ist. Manchmal schreibt das Leben die besseren Geschichten. Und genau deshalb mögen so viele Menschen eine Fußball-Weltmeisterschaft. Nicht nur wegen der Tore. Nicht nur wegen der Siege. Sondern weil für ein paar Wochen plötzlich alle über dasselbe reden. Im Feuerwehrhaus, im Vereinsheim, am Gartenzaun, im Büro oder beim Frühschoppen. Für kurze Zeit wird aus vielen einzelnen Meinungen ein großes gemeinsames Gespräch. Und vielleicht ist genau das der eigentliche Zauber einer Weltmeisterschaft.
Ob Deutschland am Ende tatsächlich um den Titel mitspielt? Wer weiß das schon. Vielleicht werden wir Weltmeister. Vielleicht fahren wir früher heim als geplant. Vielleicht erleben wir großartige Spiele. Vielleicht schimpfen wir über vergebene Chancen. Sicher ist eigentlich nur eines: Nach jedem Spiel wird es wieder 80 Millionen Bundestrainer geben. Und einer davon wird garantiert sagen: „I hob's doch vorher scho gwusst.“
Der Kirchturmlurer wird die deutschen Spiele jedenfalls aufmerksam verfolgen. Nicht als Trainer. Davon gibt's bereits genug. Nicht als Experte. Davon sogar noch mehr. Sondern als Beobachter. Von dort oben sieht man vielleicht nicht jede Abseitsstellung. Aber dafür manches, was zwischen den Zeilen passiert. Schau ma moi, wie weit die Reise geht.
Der Kirchturmlurer steht jedenfalls bereit.