Der Kirchturmlurer - Zum Zuschauen bitte anreisen
Der Kirchturmlurer über Bürgernähe mit Anfahrt, große Schecks und sportliche Nachhilfe.
Heut ist Samstag. Unten wird Halloween gefeiert. Ich sitz auf meinem Kirchturm und schau auf die Woche zurück. Bei den Kürbissen ist wenigstens vorher klar, dass sie ausgehöhlt sind und von innen beleuchtet werden.
Über der Donau hängt Nebel. Beim Kreistag Straubing-Bogen bleibt die Sicht ebenfalls eingeschränkt: Es gibt keinen Livestream der Sitzungen. Wer öffentliche Debatten verfolgen möchte, muss selber kommen.
Bürgernähe heißt offenbar: Der Bürger soll näher kommen.
Aus Rattenberg, aus dem Labertal, aus dem Gäuboden. Wer arbeitet, Kinder betreut oder jemanden pflegt, kann sich damit trösten, dass er grundsätzlich willkommen gewesen wäre.
Freilich braucht eine Übertragung Geld, Technik und Regeln. Aber eine offene Saaltür hilft dem Daheimgebliebenen ungefähr so viel wie ein gedeckter Tisch auf einem Foto.
Ich könnte meine Kolumne oben auf der Turmstiege auslegen. Öffentlich zugänglich wär sie ja. Wer danach noch Luft zum Widersprechen hat, hätte sich seine Einwände wenigstens erarbeitet.
Bei St. Nikola in Straubing war die Sicht dagegen ausgezeichnet. 11,66 Millionen Euro Förderung für den Ersatzneubau des Seniorenheims. Gutes Geld für eine wichtige Sache.
Und ein großer Scheck.
Überwiesen wird elektronisch, aber fürs Foto braucht’s eine Tischplatte mit Betrag. Sonst passt die ganze politische Anteilnahme nicht dahinter.
Da wird öffentliches Geld übergeben, und hinterher schaut’s aus, als hätte jemand seine private Sparsau geschlachtet.
Ich freu mich über die Förderung. Ich würde bloß später gern ein zweites Foto sehen: aus einer gewöhnlichen Pflegeschicht. Wenn jemand Zeit zum Zuhören hat und eine Pflegekraft ihre Arbeit ordentlich schaffen kann.
Da passt kein Scheck dazwischen. Da muss man selber länger bleiben.
Geduld braucht auch, wer junge Menschen ausbildet. Am Mittwoch wurden WB Bau Bogen, MOLL Automatisierung aus Leiblfing und der Angerhof in Sankt Englmar ausgezeichnet, letzterer für Inklusion.
Das lass ich mir gefallen. Eine Urkunde überreicht man an einem Abend. Einen Menschen ordentlich ausbilden dauert Jahre.
Vielleicht sollte man vor manchen politischen Beschlüssen ebenfalls einen Ausbildungsnachweis verlangen. Erst zeigen, dass man den Alltag verstanden hat. Feierlich unterschreiben kann man hinterher immer noch.
Am Pulverturm gab’s am Freitag wenigstens ein Ergebnis, das keiner erklären musste: 4:2 gegen München. Die Tigers haben im Schlussdrittel zugebissen. Im Mitteldrittel war vorher genügend Gelegenheit, die eigene Geduld kennenzulernen.
Zum Glück stand Škarek im Tor. In der Politik nennt man so jemanden vermutlich eine tragfähige Absicherung. Beim Eishockey muss er tatsächlich etwas halten.
Dann kamen drei Straubinger Tore im letzten Drittel. Das wär einmal ein Vorbild: nach einer schwachen Phase besser werden, statt hinterher bloß die Pressemitteilung.
Und bei NawaRo fahren die Volleyballerinnen am Sonntag ohne bisherigen Satzverlust nach Dresden. Eine weiße Weste, die durch Leistung zustande kommt.
In der Politik wird so etwas gewöhnlich erst nach längerer Beratung der eigenen Fraktion festgestellt. Die Frauen müssen ihre Bälle halt tatsächlich übers Netz bringen. Absichtserklärungen fallen vorher runter.
Wobei wir Zuschauer auch gern alles besser wissen. Beim Eishockey sind wir Trainer, beim Förderbescheid Finanzminister. Nur die Tagesordnung lesen wir ungern. Da fehlt dann plötzlich die Zeit.
Ich kenn das. Wenn’s unten kompliziert wird, ist oben erstaunlich oft der Tee fertig.
Jetzt gehen zwischen Stadt und Landkreis die Lichter an. Irgendwo beginnt eine Pflegeschicht, irgendwo bereitet ein Ausbilder den Montag vor. Die arbeiten auch weiter, wenn das Gruppenfoto längst gemacht ist.
Ich bleib am Fenster.
Von oben auf die Leut herabschauen kann jeder.
Runterschauen, damit man was von ihnen mitkriegt, das ist die eigentliche Arbeit.