Rote Karte? Erst einmal in Washington nachfragen!
Es is scho a faszinierende Welt geworden. Früher hat der Schiedsrichter gepfiffen, weil er auf dem Platz das Sagen hatte. Heute pfeift er, schaut fünfmal auf den Bildschirm, redet mit irgendeinem Kollegen im Keller und am Ende wartet die ganze Welt gespannt, was der Präsident der Vereinigten Staaten dazu meint.
Da sitzt also Donald Trump irgendwo und meint, bei der Fußball WM müsse man wegen einer roten Karte vielleicht doch noch einmal genauer hinschauen. Da fragst dich als Fußballfan schon: Was kommt als Nächstes? Wird künftig der Elfmeter erst freigegeben, wenn er im Weißen Haus abgestempelt worden ist? Oder entscheidet demnächst der amerikanische Präsident, ob Abseits eigentlich nur eine Meinung ist?
Und mittendrin steht FIFA Präsident Gianni Infantino. Der lächelt in jede Kamera, nickt freundlich und schaut dabei ungefähr so, als wüsste er selber nicht genau, ob er gerade eine Fußball WM organisiert oder eine Pressekonferenz im Oval Office. Man hat fast den Eindruck, als müsste er vor dem Anpfiff erst fragen: “Herr Präsident, dürfen wir jetzt Fußball spielen?”
Vielleicht gibt’s bei der nächsten WM gar keinen VAR mehr, sondern einen VTR. Einen Video Trump Review. Da wird nicht mehr überprüft, ob ein Foul vorlag, sondern ob die Entscheidung auch politisch genehm ist. Und Infantino steht daneben, lächelt tapfer und hofft wahrscheinlich, dass wenigstens der Mittelkreis nicht noch umbenannt wird.
Wobei ich die Mannschaft, die jetzt überlegt Protest einzulegen, sogar ein bisserl verstehen kann. Wenn sich plötzlich Politiker in Schiedsrichterentscheidungen einmischen, weißt irgendwann nimmer, ob du gegen den Gegner spielst oder gegen die Weltpolitik. Früher hast nach dem Schlusspfiff höchstens den Schiri verflucht. Heute musst offenbar erst nachfragen, wer eigentlich das letzte Wort hat.
Irgendwie hat der Fußball früher einfacher funktioniert. Der Schiedsrichter hat gepfiffen, die eine Hälfte hat geschimpft, die andere gejubelt und am Stammtisch war man sich spätestens beim dritten Bier einig, dass der Schiri sowieso keine Ahnung gehabt hat. Heute diskutieren Millionen Menschen, Fernsehexperten zerlegen jede Zeitlupe in ihre Einzelteile und wenn das noch nicht reicht, meldet sich halt einer aus Washington.
Dabei ist die rote Karte eigentlich eine wunderbare Erfindung. Sie ist die ehrlichste Farbe im Fußball. Rot heißt: Jetzt reicht’s. Fertig. Aus. Duschen gehen. Genau deshalb versteht sie jeder. Außer offenbar jene, die glauben, jede Entscheidung müsse noch einmal neu verhandelt werden, bis sie ins eigene Weltbild passt.
Vielleicht ist genau das die neue Zeit. Jeder mischt überall mit. Politiker erklären Fußball. Fußballer erklären Politik. Influencer erklären Wirtschaft. Und irgendwo dazwischen versucht Gianni Infantino einfach nur, ein Fußballturnier zu veranstalten.
Der Kirchturmlurer bleibt da lieber beim Bewährten. Wenn einer eine rote Karte bekommt, dann wird sie schon irgendeinen Grund gehabt haben. Und wenn nicht, dann darf man sich darüber ärgern. Das gehört zum Fußball genauso dazu wie Bratwurst, Fahnen und die Millionen Bundestrainer, die spätestens beim Anpfiff genau wissen, was der Trainer alles falsch gemacht hat.
Bis zur nächsten Runde schaut der Kirchturmlurer wieder von seinem Turm herunter. Ob auf die WM? Schaun ma moi. Seit unsere Burschen nimmer dabei sind, wird aus dem Fußballabend ganz schnell wieder ein Biergartenabend. Und der hat den Vorteil: Da redet zwar auch jeder mit, aber wenigstens will keiner dem Schiedsrichter aus Washington erklären, wie Fußball funktioniert.