Der Kirchturmlurer schaut auf ein Finale, bei dem der Beste am liebsten spazieren ging

Der Kirchturmlurer schaut auf ein Finale, bei dem der Beste am liebsten spazieren ging

Wisst ihr, was das Schöne am Fußball ist? Er hält sich an keine Logik. Da spielen am Samstag zwei Mannschaften um einen Platz, den angeblich keiner haben will, und liefern das Spiel des Turniers. Und am Sonntag spielen zwei Mannschaften um den größten Pokal der Welt, und man hätte zwischendurch in aller Ruhe den Rasen mähen können, ohne was zu verpassen. Auf die Idee, dass das wichtigste Spiel das langweiligste sein muss, muaß ma erst amoi kommen. Aber der Reihe nach.

Ein Weltmeister, der den Titel wollte

Spanien ist Weltmeister. Und ich sag euch was: verdient. Mehr als verdient. Die Spanier haben in East Rutherford vor über 80.000 Zuschauern gespielt, wie sie das ganze Turnier über gespielt haben. Geduldig, überlegen, mit dem Ball am Fuß und einem Plan im Kopf. Dass es bis zur 106. Minute gedauert hat, bis der eingewechselte Ferran Torres den Ball endlich reingemacht hat, lag nicht an den Spaniern. Es lag daran, dass auf der anderen Seite elf Mann standen, die aussahen, als hätte ihnen jemand über Nacht den Stecker gezogen.

Denn das Argentinien vom Sonntag, das war nicht mehr das Argentinien der Wochen davor. Kein Biss, kein Feuer, kein Wille. Nichts mehr von dem, was diese Mannschaft vor vier Jahren zum Titel getragen hat. Die englische Presse hat nachgerechnet: erster WM-Finalist der Geschichte ohne einen einzigen Torschuss in der regulären Spielzeit. Da fragt ma si scho, ob die Herren überhaupt gwusst haben, in welche Richtung gespielt wird.

Und mittendrin, oder besser gesagt: obendrauf, der hochdotierte Spaziergänger Lionel Messi. Ich hab ja Respekt vor dem Mann, freilich. Was der in seiner Karriere geleistet hat, leisten drei andere zusammen nicht. Aber am Sonntag, als der Enzo Fernández mit Gelb-Rot vom Platz musste und Argentinien in Unterzahl war, da hat es der Käpt'n weiterhin nicht für nötig gehalten, sich weiter zurückzubewegen als bis zur Mittellinie. Zehn Mann rennen, einer schaut zu. Man hat halt gemerkt: Der große Teamplayer ist er dann in den schwierigen Momenten doch eher nicht. Bei uns im Verein hätte der Trainer gesagt: Bua, wennst nimmer magst, setz di halt gleich zu mir auf die Bank, da hast wenigstens a Decken.

Die internationale Presse war sich jedenfalls so einig wie selten. Die Marca hat geschrieben, es sei nicht nur darum gegangen, die WM zu gewinnen, sondern darum, den Fußball zu retten. Die L'Équipe hat Spanien zur besten Mannschaft der Welt erklärt, zwei Jahre nach dem EM-Titel. Und der Telegraph hat vom Triumph des Fußballs über den Anti-Fußball gesprochen. Wenn sogar die Engländer und die Franzosen einer Meinung sind, dann muss schon was dran sein.

Das Spiel, das keiner wollte, und alle geliebt haben

Und jetzt zum Samstag. England gegen Frankreich, Spiel um Platz drei, das ungeliebte Kind jeder WM. Die Spieler wollen es nicht, die Trainer wollen es nicht, die Verbände täten es am liebsten abschaffen. Und was machen die zwei? Schießen sich zehn Tore um die Ohren. 6:4 für England, 4:0 schon zur Pause, dann eine französische Aufholjagd, dass einem schwindlig wurde. Der Saka trifft dreimal, der Mbappé zweimal und überholt damit ausgerechnet den Messi in der ewigen WM-Torschützenliste. Der Deschamps verliert sein letztes Spiel als Nationaltrainer, der Tuchel holt für England das beste WM-Ergebnis seit 1966, und ich sitz vor dem Fernseher und trau meinen Augen nicht.

Der typische WM-Trainer wird bei dem Spiel wahrscheinlich gekotzt haben. Kein Sicherungsnetz, keine doppelte Absicherung, hinten offen wie das Scheunentor beim Huber-Bauern. Mich hat's entzückt. Und ich sag euch ganz ehrlich: Wenn Fußball immer so wär wie an diesem Samstag in Miami, dann würd ich mir das auch unter der normalen Saison anschauen, mindestens so oft wie meine Straubing Tigers im Eishockey. Leider ist so ein Spiel die Ausnahme. Vielleicht ist es ja genau deshalb passiert, wo es um nix mehr ging. Da wären wir wieder bei der Logik von vorhin: Sobald es um alles geht, traut sich keiner mehr was. Sobald es um nix geht, wird's Weltklasse. Der Valentin hätt seine Freud ghabt.

Vier Wochen, die man so schnell nicht vergisst

Und jetzt, wo der Pokal vergeben ist, schau ich vom Kirchturm nochmal zurück auf diese vier Wochen. Ich geb's ja zu: Es war ein Fest. Ein schönes sogar. 104 Spiele, 48 Mannschaften, drei Gastgeberländer, volle Stadien, Geschichten ohne Ende. Kleine Fußballnationen, die den Großen ein Bein gestellt haben. Wir Deutsche können ein Lied davon singen, unseres hieß Paraguay und endete im Elfmeterschießen. Aber auch das gehört zu so einem Turnier: dass daheim einer auf dem Sofa sitzt und leidet, während woanders einer tanzt.

Freilich, übertrieben und aufgeblasen war das Ganze auch. Erstmals gab es in einem WM-Finale eine Halbzeitshow, fast eine halbe Stunde lang, mit Shakira, Justin Bieber und BTS. Ich hab ja nix gegen a gscheite Musi. Aber wenn die Pause länger dauert als manche Angriffsbemühung der Argentinier, dann stimmen die Verhältnisse nimmer. Der Infantino hat halt wieder die Dollarzeichen in den Augen ghabt, und je größer das Turnier, desto größer die Zeichen. Beim nächsten Mal, 2030, wird's noch bunter: Da findet die WM in Spanien, Portugal und Marokko statt, und weil zum hundertjährigen Jubiläum auch noch drei Eröffnungsspiele in Uruguay, Argentinien und Paraguay gespielt werden, verteilt sich eine einzige Weltmeisterschaft auf sechs Länder und drei Kontinente. Eine WM, die gleichzeitig überall und nirgends daheim ist. Der Karl Valentin hat einmal sinngemäß gesagt, heute sei die gute alte Zeit von morgen. Vielleicht reden wir 2030 ja wehmütig davon, wie überschaubar diese WM mit ihren nur drei Gastgebern noch war.

Ein würdiger Weltmeister

Aber lassen wir das Granteln für heute. Spanien hat sich diesen Titel erarbeitet, über Jahre. Eine Mannschaft ohne Allüren, ohne Spaziergänger, dafür mit einer Idee vom Fußball, die man auch dann erkennt, wenn man den Fernseher ohne Ton laufen lässt. Sechzehn Jahre nach dem ersten Stern jetzt der zweite, Europameister und Weltmeister zugleich, und das nächste Turnier dürfen sie gleich daheim verteidigen. Es hat schon ungerechtere Ausgänge gegeben.

Und der Messi? Der geht jetzt wohl endgültig vom Platz, auf dem er am Sonntag ohnehin nur noch spazieren war. Vielleicht ist das ja die letzte Valentinsche Wahrheit dieser WM: Der größte Fußballer seiner Zeit hat sein letztes großes Spiel damit verbracht, dem Fußball beim Vorbeiziehen zuzuschauen.

Ja mei. Schau ma moi, was 2030 wird. Bis dahin lur ich wieder auf das, was bei uns daheim passiert. Da fallen zwar weniger Tore, aber dafür rennt beim Feuerwehrfest wenigstens ein jeder mit.

Euer Kirchturmlurer

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