Der Mann, der zu gut ist, um zu spielen
Ja mei, da sitzt man also am Samstagabend vor dem Fernseher, und es will und will nichts werden mit der deutschen Nationalmannschaft. Die Elfenbeinküste führt, die Buam laufen hinterher, und der Kessié schiebt das Ding aus fünf Metern rein, als hätt ihm keiner sagt, dass er das nicht darf. Eine schwere Geburt, hat einer geschrieben. Recht hat er.
Und damit man weiß, wovon ich red: Drüben in Toronto, im ausverkauften Stadion, 43.036 Leut auf den Rängen, hat die deutsche Elf in der ersten Halbzeit zweimal gejubelt und zweimal hat der Schiedsrichter abgewunken. Erst der Kopfball vom Pavlović (22.), dann ein Tor vom Havertz (38.), beide wegen eines Foulspiels nicht gegeben. Und während man sich noch über die Pfiffe ärgert, macht der Kessié in der 30. Minute das 0:1. Zur Pause liegt Deutschland hinten. Eine schwere Geburt halt.
Dann, nach gut einer Stunde, wechselt der Nagelsmann gleich dreifach: Undav, Amiri und Leweling kommen. Und auf einmal dreht sich das Spiel. Der Amiri flankt, der Undav macht das 1:1 (68.). Dazwischen rettet der eingewechselte Goretzka in höchster Not (88.), sonst wär’s anders ausgegangen. Und in der vierten Minute der Nachspielzeit nimmt der Undav einen Pass vom Nmecha an und schiebt das 2:1 rein (90.+4). Aus. Sechs Punkte, weiter geht’s ins Sechzehntelfinale.
Und dann kommt einer von der Bank. Der Undav. Trifft. Und trifft gleich nochmal. Alle jubeln. Und schon beim 7:1 gegen Curacao neulich war es genau derselbe Mann, der von der Bank kam und ein Tor und zwei Vorlagen mitbrachte wie der Postbote die Pakete. Zweimal eingewechselt, zweimal der Beste auf dem Platz.
Und jetzt, jetzt fragen sie alle dasselbe: Müsste der Undav nicht eigentlich von Anfang an spielen?
Da fragt ma si scho. Und genau da fängt das Schöne an.
Denn die Antwort, die man so halb hört und halb spürt, geht ungefähr so: Ja, der Undav, der ist so wertvoll als Joker, dass man ihn lieber nicht aufstellt. Weil er ja gerade dann so gut ist, wenn er reinkommt. Schau ma moi: Ein Mann ist so stark, dass man ihn nicht spielen lassen darf. Je länger er sitzt, desto kostbarer wird er. Auf die Idee muaß ma erst amoi kommen.
Denkt man das konsequent zu Ende – und das ist meine Lieblingsbeschäftigung hier oben, dann kommt man zu einem prächtigen Ergebnis: Am allerbesten wäre der Undav, wenn man ihn überhaupt nie einwechselt. Dann bliebe er ewig unbesiegt. Ein Stürmer, der nie spielt und nie ein Tor verschießt, ist statistisch unschlagbar. Der Karl Valentin hätt seine Freude gehabt.
Und dann ist da noch die zweite kleine Sache, über die im Wirtshaus heut keiner so recht nachdenkt. Gruppensieger ist Deutschland geworden. Nicht etwa, weil es gegen die Elfenbeinküste so glänzend war, sondern weil ein paar Stunden später in Kansas City eine Karibikinsel mit nicht einmal so vielen Einwohnern wie der Landkreis Straubing-Bogen dem Ecuador ein 0:0 abgetrotzt hat. Der erste Punkt der Curacao-Geschichte überhaupt. Und ausgerechnet der macht uns zum Ersten. Wir sind also Gruppensieger geworden im Schlaf, während wir uns die zweite Halbe geholt haben. Freilich.
„Auf wen wir in der K.-o.-Runde treffen können“, steht jetzt überall. Wir. Da is es wieder, das schöne Wirtshaus-Wir. Wir haben gewonnen, wir sind Erster, wir treffen jetzt auf irgendwen. Dabei hat der eine vom uns auf der Couch glegn und der andere die Chips ghoit. A bisserl mitgespielt ham wir alle, irgendwie.
Aber jetzt halt i kurz inne, weil bei einer Sache der Grant aufhört und etwas anderes anfängt. Der Schlotterbeck. Der hat sich nach keiner Viertelstunde am Innenband verletzt, hat eine Tablette eingeschmissen, hat sich beißen und beißen lassen und ist trotzdem bis zur Pause draußen geblieben. Erst in der Kabine, wenn das Knie kalt wird, merkt man, was wirklich los ist. Jetzt fährt er ins MRT, und alle hoffen. Den hat keiner ausgewechselt, weil er schlecht war. Den hat man rausgenommen, weil er zu lang nicht aufgehört hat.
Und da, schau, geht mir was auf. Der eine humpelt eine halbe Stunde lang still durch, weil er die Mannschaft nicht im Stich lassen will und wird ausgewechselt. Der andere kommt frisch von der Bank, macht zwei Tore und wird auf Händen aus dem Stadion getragen. So is es im Fußball, und ganz ehrlich, so is es auch bei der Feuerwehr, im Verein und am Gartenzaun: Der, der stundenlang stillhält, kriegt den wenigsten Applaus.
Da fragt ma si scho, wer eigentlich das Spiel gewonnen hat. Der, der getroffen hat. Oder der, der durchgehalten hat, bis das Knie nicht mehr wollte.
Ich weiß es nicht. Aber ich schau erstmal weiter zu. Bis Donnerstag is ja noch das ein oder andere Spiel.