Erster geworden — und trotzdem durchg'fallen
Neulich, kurz vor Mitternacht, hat einer am Stammtisch sein Handy mitten auf den Tisch gelegt, Bildschirm nach oben, damit alle mitschauen können. „Pflichtübung", hat er gesagt und sich noch eine Halbe bestellt. „Da kann nix mehr passieren, mir san eh scho durch." Und genau in dem Moment, wenn einer sagt, es kann nix mehr passieren, fängt's an, interessant zu werden.
Zwei Minuten waren gespielt, da hat der Sané das 1:0 gemacht. Der Mann mit dem Handy hat genickt, als hätt er's selber so bestellt. „Siehst. Pflichtübung." Sieben Minuten später hat ein Herr Angulo den Ausgleich nachgelegt, und der Stammtisch ist ein bisserl stiller geworden. Und in der 77. Minute hat dann ein Gonzalo Plata nach einer Ecke den Ball am Manuel Neuer vorbeigespitzelt, der danach gegriffen hat, wo grad kein Ball mehr war. 1:2. In einem Spiel, um das es um nichts mehr ging.
Und jetzt wird's eben grad deswegen lustig.
Denn um nichts ging es ja wirklich. Deutschland war vor dem Anpfiff schon Gruppensieger, sauber durch, 7:1 gegen Curaçao, 2:1 gegen die Elfenbeinküste, der Tabellenplatz so fest wie der Wirt seine Theke. Es war das Spiel, von dem alle gesagt haben, es zählt nicht. Und am nächsten Morgen, da rechnet die halbe Weltpresse mit der Mannschaft ab, der Klopp und der Hummels erklären vom Studiosessel aus das große DFB-Problem, und sogar dem Müller, der in seinem Fußballerleben wirklich schon alles gesehen hat, fehlt auf einmal was. Auf die Idee muaß ma erst amoi kemma: aus einem Spiel, um das es um nichts ging, das größte Problem zu machen, das es grad gibt.
Da fragt ma si scho. Wenn ein Spiel nichts zählt, wie kann dann eine Niederlage in genau diesem Spiel auf einmal so schwer wiegen? Entweder es zählt was, dann hätt ma sich vorher net so locker hinsetzen dürfen. Oder es zählt nix, dann braucht ma sich hinterher net so aufregen. Beides zugleich geht eigentlich net. Aber freilich, der Fußball kann das. Der kann ein Spiel gleichzeitig für bedeutungslos und für eine Staatskrise erklären, und keiner merkt den Widerspruch, weil grad alle zu beschäftigt sind mit dem Kopfschütteln.
Am schönsten war für mich aber die Sache mit dem Undav. Der Mann hat bei dieser WM fünf Scorerpunkte beigesteuert, kommt rein und macht den Unterschied, der gefeierte „Superjoker". Und weil er als Joker so wertvoll ist, lässt man ihn lieber wieder draußen sitzen, damit er Joker bleiben kann. Ja mei. Da hammas. Einer ist so gut darin, von der Bank zu kommen, dass man ihn am besten gar nicht erst aufstellt, weil er sonst ja keiner mehr wäre, der von der Bank kommt. Der Karl Valentin hätt da seine helle Freude g'habt. Das ist genau die Sorte Logik, die völlig wasserdicht ist und trotzdem hinten und vorn nicht stimmt.
Und dann der Trainer. Der Nagelsmann hat ein paar Buben Minuten gegeben, die sonst im ganzen Turnier wahrscheinlich keine gesehen hätten. Stiller, Beier, Thiaw, alle zum ersten Mal bei dieser WM auf'm Platz. Ein anständiger Gedanke, ehrlich. Ma gönnt's jedem, einmal dabei gewesen zu sein. Bloß hinterher steht's halt 1:2, und derselbe Trainer redet von „Harakiri bei der Positionierung", und der Kimmich nennt's eine „verdiente Niederlage". Und da denk ich mir: Wenn das Anständige bestraft wird, was lernt der Bub fürs nächste Mal? Schau ma moi, ob beim nächsten K.-o.-Spiel noch einer so großzügig ist.
Das Allerschönste kommt aber gar net von uns. Auf der anderen Seite hat nämlich ein Trainer gestanden, der Beccacece heißt, und den haben die eigenen Leute vor dem Spiel ausgepfiffen, weil seine Ecuadorianer vorher nur einen Punkt geholt und kein einziges Tor geschossen hatten. Eine Stunde später ist derselbe Mann der Held, der den viermaligen Weltmeister geschlagen hat. So schnell geht das. Heut pfeifst ihn aus, morgen trägst ihn auf Händen. Und keiner sagt: „Mei, vielleicht war mein Urteil von gestern a bisserl voreilig." Na. Ma pfeift einfach beim nächsten Mal wieder, wenn's grad passt.
Bei uns geht's am Montag in Boston weiter, Sechzehntelfinale, wahrscheinlich gegen Paraguay. Und der Schlotterbeck, über den wir letztens noch gerätselt haben, der ist jetzt endgültig daheim. Innenband im Sprunggelenk gerissen, WM vorbei. So ist das halt. Über den einen rätselt man noch, der andere wird über Nacht zum Helden, und der Dritte sitzt auf der Bank, weil er zu gut ist zum Spielen.
Bleibt nur die eine Frage, und die lass ich euch mit auf den Heimweg: Kann man eigentlich ein Spiel verlieren, um das es um gar nichts ging und trotzdem irgendwas verloren haben? Willkommen in der Realität. Mir hat's gefallen. Net das Ergebnis. Aber das Schauspiel drumherum scho.