Stolz auf was, wenn ma fragen derf?!

Stolz auf was, wenn ma fragen derf?!

Ja mei, was war denn des gestern...

Ich sag's ganz ehrlich, ich hab mi vor dem Anpfiff scho hingsetzt mit so einem Gefühl im Bauch, wie wenn der Nachbar seinen Anhänger rückwärts in die Hofeinfahrt rangieren will. Man weiß, es wird dauern. Man weiß, es wird wehtun. Und man weiß ganz genau, am Schluss steht der Anhänger irgendwo, bloß nicht da, wo er hin soll.

Mein Tipp war ein Zwei zu eins für Deutschland, mit Hängen und Würgen, in der Verlängerung, vielleicht sogar erst vom Punkt. Und jetzt schaun wir amoi, wie es ausgegangen ist. Verlängerung, freilich. Punkt, freilich. Hängen und Würgen, ganz besonders freilich. Bloß die zwei zu eins, die hat sich die andere Mannschaft geholt. So nah am eigenen Tipp und trotzdem komplett auf der falschen Seite, des muass ma erst amoi hinkriegen.

Es war wie ein Verkehrsunfall, des Spiel. Man hat nicht hinschauen können, und man hat nicht wegschauen können. Den passenden Ton hat der Stadion-DJ gefunden, der in der Trinkpause "Livin' on a Prayer" aufgelegt hat. Ein Gebet, ja. Bloß erhört worden ist es nicht.

Der Joker, der zu gut zum Spielen war

Und dann der Undav. Drei Spiele lang war der Mann zu wertvoll, um aufgestellt zu werden. Der beste Joker, den wir haben, hat es geheißen, der darf nicht von Anfang an ran, sonst ist er ja als Joker weg. Eine schöne Logik, wenn man drüber nachdenkt: Wir haben einen Stürmer, der so gut ist, dass wir ihn nicht spielen lassen können.

Gestern haben sie ihn dann doch aufgestellt, anstelle vom Musiala. Und dann hat das halbe Land die ganze Zeit gewartet, dass jetzt endlich der Undav kommt. Bis einem so langsam aufgefallen ist: Der ist ja schon drin. Der spielt ja. Ja mei. Drei Spiele lang zu wertvoll für die Startelf, und beim einen Mal, wo er von Anfang an darf, merkt man ihn gar nicht. Auf die Idee, dass des zusammenhängen könnt, kommt grad keiner.

Kurz vor der Pause hat dann der Enciso, ein Mannderl von ein Meter achtundsechzig, in einem mit zehn Deutschen besetzten Strafraum völlig ungestört eingeköpft. Null zu eins. Nach der Pause hat der Havertz ausgeglichen, auch per Kopf, auch nach einer Flanke. Und dann war hundert Minuten lang nix mehr. Aber sauber nix.

Der Torwart, der nicht geschützt ist, außer er ist es halt doch

Jetzt kommt der Teil, bei dem ich am Gartenzaun am längsten gestanden bin.

In der Verlängerung köpft der Tah eine Ecke vom Brown rein. Zwei zu eins. Ganz Foxborough jubelt, der Mann ist schon der Held. Und dann kommt die Videoschiedsrichterin aus Nicaragua, der Schiedsrichter aus Marokko schaut sich das Bildschirmchen an, und das Tor ist wieder weg. Begründung: Behinderung des Torwarts.

Jetzt muass ma eine Sache wissen. Den besonderen Schutz für den Torwart im Fünfmeterraum, den gibt es im Regelwerk seit einer Weile gar nimmer. Steht so drin. Und dann nehmen sie ein Tor zurück, weil der Torwart behindert worden sei. Also: Der Torwart ist nicht geschützt. Außer in der hundertzweiten Minute eines deutschen Verlängerungsspiels. Da is er dann doch geschützt. Auf die Idee muaß ma erst amoi kommen.

Der Klopp hat's auf seine Weise auf den Punkt gebracht. Wenn dieses Tor ungültig sei, hat er gesagt, dann werde Arsenal nicht englischer Meister, weil die ihre halben Tore genau so machen. Und da fragt ma si scho: Wie kann ein Tor, das auf der ganzen Welt ein ganz normales Tor ist, ausgerechnet in dem einen Spiel, wo wir's brauchen, auf einmal kein Tor sein?

Und damit es nicht zu einseitig wird: Vorher, in der achtundneunzigsten, der Schuss vom Woltemade, der Arm vom Paraguayer dran. Da hat die halbe Nation Elfmeter geschrien. Und da haben dieselben Experten hinterher gesagt: war keiner, der Arm war am Körper, alles im Rahmen. Also einmal zu kleinlich, einmal richtig. Bloß so, dass am Schluss beides gegen uns gegangen ist.

Und so sitzt man als Zuschauer da und merkt, dass man auf einmal von zwei Leuten abhängig ist, die einen Bildschirm anschauen. Über so was muss man überhaupt erst reden müssen. Des is ja des Lächerliche an der ganzen Sach.

Drei vom Punkt, und der Held heißt Gill

Im Elfmeterschießen haben sie dann gleich drei verschossen. Havertz, Woltemade, Tah. Der Neuer hat sogar einen gehalten, und es hat trotzdem nicht gereicht. Der Gill im paraguayischen Tor hat zwei gehalten und ist der Held der Nacht geworden. Manchmal genügt halt ein Mann, der im richtigen Eck steht, wenn die anderen nicht treffen.

"Wir sind stolz auf euch"

Und während man noch dasitzt und sich fragt, was man da grad gesehen hat, da meldet sich der Bundeskanzler. Auf X, oder auf Ex, wie der Niederbayer sagt. "Was für ein Spiel", schreibt er. "Mit eurem Einsatz und Teamgeist habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch."

Und da hab ich mit den Ohren schlackern müssen.

Stolz. Schau ma moi, was des eigentlich heißt. Stolz auf was genau? Auf das Eins zu eins nach hundertzwanzig Minuten? Auf die drei Elfmeter, die nicht reingegangen sind? Auf den Stürmer, der drei Spiele zu gut zum Spielen war und dann gespielt hat, ohne dass es jemand gemerkt hat?

Und dann die Begeisterung. Ich hab mich umgehört, am Gartenzaun, im Wirtshaus. Begeisterung hat anders ausgschaut. Die Leut sind vor dem Fernseher gesessen wie bei besagtem Verkehrsunfall. Und jetzt kommt einer daher und sagt ihnen, sie wären begeistert gewesen.

Ja mei. Da is einer, dessen eigene Zustimmungswerte so tief im Keller sind wie bei keinem Kanzler vor ihm, und der erklärt einem ganzen Land, es sei begeistert. Vielleicht is genau des die Kunst. Nicht das Volk fragen, wie es ihm geht, sondern es ihm sagen.

Allein war er damit nicht. Der Lauterbach hat auch gleich gewusst: unverdient, der Schiedsrichter sei schuld. Und so reden sie alle dasselbe schön. Komisch bloß: Wenn wir gewinnen, dann haben wir gewonnen. Und wenn wir verlieren, dann war's der Mann aus Marokko. Eine bequeme Tabelle, die da geführt wird.

Und trotzdem hab ich schmunzeln müssen

Weil ich ein Grantler bin, aber kein gehässiger, muss ich auch das Schöne sagen. Die Paraguayer.

Ein kleines Land, das mit vier Punkten als Gruppendritter überhaupt nur so grad durchgerutscht ist, steht gegen den viermaligen Weltmeister und hört einfach nicht auf zu kämpfen. Die haben gerackert wie um den letzten Krug beim Dorffest, wenn die Wirtin schon "letzte Runde" ruft. In Asunción haben sie die Nacht zum Feiertag erklärt. Und weißt was: Des war verdient.

Drum hab ich am Schluss, obwohl es für uns schlecht ausgegangen ist, ein bisserl schmunzeln müssen. Nicht aus Schadenfreude, des liegt mir fern. Sondern weil da eine Mannschaft weiterkommt, die alles gegeben hat, gegen eine, die ihren besten Joker drei Spiele lang im Schrank stehen lassen hat. Manchmal is der Fußball gerechter, als man meint. Bloß halt grad nicht für uns.

Was für ein Spiel

Und der Kanzler, der hat ja recht, auf seine Art. Was für ein Spiel, hat er geschrieben. Da kann ihm keiner widersprechen. Es war wirklich: was für ein Spiel.

Bloß, jetzt wo ich's mir so anschau: Für was für ein Spiel war's denn eigentlich eins?

Schau ma moi, was beim nächsten Mal drausteht. Vom Kirchturm aus sieht man's meistens am Tag drauf am besten, wenn alle wieder erklären, sie hätten es ja schon immer gewusst.

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